Warum ich es hasse, gute Romane zu lesen!

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Hast Du Dich jemals in einer guten Geschichte verloren und den Ausgang nicht mehr gefunden? Warst Du im Lesefieber gefangen und konntest nicht mehr aufhören, während jegliche Außenstörung, die an Dein Ohr drang fast unerträglich schien?

Wenn Du meine Fragen nicht mit einem eindeutigen Ja beantwortet hast, dann kann ich Dir erzählen wie es sich anfühlt und wenn Du auch lauthals Ja geschrien hast, dann weisst Du ganz genau wie es um mich bestellt ist.

Habe ich einmal angefangen einen guten Roman zu lesen, dann ist es das für mich gewesen. Ich kann nichts anderes mehr machen. Es braucht eine immense Willensanstrengung das Buch hin zu legen und mich anderen Dingen zuzuwenden. Ich werde regelrecht besessen. Ich muss wissen was als Nächstes innerhalb der Geschichte passiert. Ich muss dabei sein bis zum Ende. Ich muss vollkommen in das Geschehen eintauchen. Noch ein Kapitel, dann werde ich das Buch hinlegen. Nur noch dieses und dann …

Es hat alles angefangen als ich noch ein Kind war und ich bin mir nicht sicher wen ich dafür zur Rechenschaft ziehen kann. Vielleicht meine Eltern, weil diese nicht wollten, dass ich den ganzen Tag vor dem Fernseher sitze. Bücher waren der Ersatz für das Fernsehen in unserem Haushalt.

Andererseits kenne ich diesen Hang, dass ich alles auf einmal machen muss, auch aus anderen Lebensbereichen. Meine Großeltern zum Beispiel haben mir in regelmäßigen Abständen eine riesengroße Tafel Milka-Schokolade geschenkt. Damals las ich ein Buch während ich gleichzeitig versuchte so viel wie möglich von der Schokolade auf einmal zu verdrücken. Alle meine Bücher aus der Kindheit sind mit Schokoladenflecken übersät.
Meine beste Freundin war das Gegenteil von mir, sie hortete die Süßigkeiten, die sie von ihrer Großmutter geschenkt bekam für spezielle Gelegenheiten zum Beispiel wenn wir zusammen ins Kino gingen. Ich habe das nie ganz nachvollziehen können. Ich hätte das nicht gekonnt. Ihre Großmutter hingegen hat ihr einmal die Woche Süßigkeiten im Wert von insgesamt 10 DM geschenkt! In meinen Augen war das verrückt! Zum Glück hat das meine Großmutter nicht gemacht. Ich hätte mich sonst wahrscheinlich selber in eine riesengroße Tafel Milka-Schokolade verwandelt.

Eine Sache ist sicher. Es gibt Dinge, die erscheinen in meinem Leben und dann verfolge ich sie bis zum bitteren Ende, ob es mir nun gefällt oder nicht. Ich muss es einfach machen, frag mich nicht warum!

Ich habe die Bücher nachts heimlich mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen, damit meine Eltern nicht den Lichtschein durch meine Glastür sehen konnten. Als Teenager, wenn meine Mutter und ich in Portugal waren, habe ich angefangen die Nebel von Avalon zu lesen, eine Geschichte epischen Ausmaßes. Ich war nicht mehr ansprechbar und bin nur noch geistesabwesend mit dem Buch in meiner Hand durch die Gegend getraumwandelt. „Entschuldige bitte, hast Du gerade etwas gesagt?“
Als ich an der „School of Physical Theatre“ in London die Lecoq Methode studiert habe, habe ich zu meinem Unglück angefangen die Harry Potter Bücher zu lesen. Keine gute Idee, sie haben mich fast die ganze Nacht lang wach gehalten und ich musste früh morgens den Zug nach London erwischen. Am Anfang bin ich noch gependelt und brauchte fast zwei Stunden bis zur Schule. Es ist wohl kaum weiter verwunderlich, dass ich schon todmüde war, bevor wir mit dem sehr kräfteraubenden Training überhaupt angefangen hatten.

Jetzt weisst Du warum ich es hasse gute Romane zu lesen! Und genau aus diesem Grunde ist es auch schon eine Weile her, dass ich mich an einen herangewagt habe. Normalerweise lese ich Bücher aus dem Bereich Psychologie und Spiritualität. Das sind Bücher, die ich inspirierend finde, bei denen ich etwas lernen kann und am allerwichtigsten, die ich ohne Weiteres auch wieder zur Seite legen kann. Mit dieser Lektüre habe ich keine Probleme. Ich kann mir so viel Zeit nehmen wie ich will.

Deswegen habe ich einige noch ungelesene Romane in meinem Regal stehen, weil ich Angst habe, dass wenn ich mich an einen heran wage, ich nichts mehr anderes tun kann. Zu meinem Unglück habe ich es aber vor nun gut einer Woche nicht mehr ausgehalten und habe ein deutsches Buch hervor gekramt, dass ich seit zwei Jahren nicht mit einem Blick gewürdigt hatte. Es heisst die Erfindung des Lebens, ist von Hanns-Josef Ortheil. Ich habe es von meiner Familie geschenkt bekommen. Das wirklich Merkwürdige daran ist, dass der Autor jemand ist, den ich einmal kurz persönlich kennengelernt habe. Ich bin ihm vor etlichen Jahren begegnet, als ich durch die Aufnahmeprüfung für Kulturpädagogik an der Universität Hildesheim durchgefallen bin. Das war damals ein harter Schlag für mein nicht sehr gut ausgeprägtes Selbstvertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Vor allen Dingen, als ich das zweite Mal, nachdem ich den Studiengang ein Jahr inoffiziell studiert und schon Scheine abgelegt hatte, wieder durchgefallen bin. Genau dieser Autor aber saß in dem Prüfungsausschuss. Ich habe ihn als nicht sehr freundlich gegenüber mir in Erinnerung.
Ist es nicht eine merkwürdige Fügung, dass ich ausgerechnet jetzt all die Jahre später seinen autobiographischen Roman in meinen Händen halte und seiner Geschichte mit Haut und Haaren verfallen bin? Ich finde meinen Weg nicht mehr heraus.
IMG_6067Der stumme Junge, dessen Mutter auch keinen Ton spricht, weil sie vier Kinder während des zweiten Weltkrieges verloren hat. Wie er lernt zu sprechen als er sieben Jahre alt ist und wie seine Mutter auch wieder anfängt sich der Welt mitzuteilen. Wie er beinahe Pianist wird und dann doch nicht. Für mich gibt es nichts Faszinierenderes als eine Geschichte, die zu weit her geholt erscheint um real zu sein, es aber ist.

Und natürlich, wie konnte es auch anders kommen, habe ich neulich fast die halbe Nacht durchgelesen, als ich zu früh aufgewacht bin. Mist es ist wieder passiert! Und noch dazu mit einem Autor, den ich überhaupt nicht mögen sollte.

Vielleicht könnte ich einmal einen Leseurlaub einplanen, wo ich nichts anderes mache als zu lesen und wo ich mich nicht schuldig fühlen muss, wenn ich nichts anderes mehr mache.

Oder gibt es noch andere Heilmittel? Bin ich die einzige, die so merkwürdig beschaffen ist?

Wie gehst Du damit um, wenn Du ein gutes Buch liest? Oder wirst Du von anderen Sachen besessen, die Du dann nicht mehr loslassen kannst? Was sind das für welche Sachen? Ich bin neugierig!

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