Der Wind und das Espenlaub

Der Wind und das Espenlaub

Er zitterte wie Espenlaub. Es hatte eines Tages angefangen und jetzt wollte es einfach nicht mehr aufhören. Er kam sich wie ein dünnhäutiges Blatt Papier vor, dass bei dem leisesten Lufthauch, der für das menschliche Empfinden kaum wahrnehmbar ist, anfängt zu flattern. Und er flatterte, wenn auch kein anderer die ständige, zarte Brise, die in der Luft lag, wahrnahm. Roland konnte nicht anders. Mit Wollen hatte das nichts zu tun. Auch wenn andere, die Dummschwätzer, die von nichts eine Ahnung hatten, natürlich anderer Meinung waren. Sie meinten, er könne wohl anders, wenn er wollte. Es war nur ein blöder Tick. Ignoranz und nicht wissen wollen machen dumm.

Roland achtete nicht auf die Dummschwätzer. Er umgab sich lieber mit gleichgesinnten, zartbesaiteten Seelen, deren Töne im lauten Wirrwarr der gemeinen Geschäftigkeit kaum zu hören waren. Seitdem das mit dem Zittern angefangen hatte, war Roland nicht mehr Teil dieser Welt. Er wurde früh berenntet. Seinen Job bei der Post konnte er nicht mehr ausführen. Weder wollten die Leute von jemanden, der zitterte bedient werden, noch konnte er die Briefe mehr abstempeln oder andere wichtige Dinge ausführen.

Auch seine eigene Frau fand es schwierig mit dem Zittern umzugehen und sie betete inständig, dass es doch einfach wieder verschwinden möge. Zum einen war sie es nicht gewohnt ihren Mann den ganzen Tag bei sich zuhause zu haben und zum anderen konnte sie mit ihm nicht mehr über die üblichen Sachen reden, wie zum Beispiel was er während seiner Arbeit erlebt hatte.  An Fernsehen war Roland seitdem auch nicht mehr interessiert.

Stattdessen wollte er, dass sie ihm vorlas. Märchen über das Espenlaub und den Wind. Margret meinte solche Märchen gibt es nicht und er solle mit dem Unsinn aufhören. Aber er war störrisch.

„Natürlich gibt es sie. Gehe und suche sie.Vielleicht findest Du etwas in der Bibliothek.“

Roland zeigte sich nicht mehr gerne in der Öffentlichkeit. Es war ihm unangenehm angestarrt zu werden. So ging Margret in die Bibliothek, aber sie konnte nichts finden.

„Ich habe es dir doch gesagt. So etwas gibt es nicht.“

„Dann musst du mir eine Geschichte schreiben. Es ist wichtig, sehr wichtig sogar. Margret, schreibe mir eine Geschichte vom Espenlaub und dem Wind.“

Obwohl seine Frau noch anfangs stürmisch rebellierte, konnte sie doch nicht anders als innerlich zu lächeln. Zum ersten Mal nach langer Zeit spürte sie wieder eine liebevolle Zuneigung zu ihrem Mann. Noch in der gleichen Nacht träumte Margret den Anfang der Geschichte vom Espenlaub und dem Wind.

Das Espenlaub zitterte in der Luft, obwohl kein Windhauch zu spüren war. 

„Martha, schau genau hin, wir zittern nicht wir tanzen.“ flüsterten die Espenblätter ihr zu. 

„Wir nehmen die geringste Regung des Windes wahr. Wir zittern nicht, sondern wir flattern unseren Tanz. Vor langer, langer Zeit, als die Menschen noch wussten, wer wir wirklich sind, waren wir heilig und wir wurden zu einem besonderen Ort des Orakel’s auserkoren. 

Roland, dein Mann ist ein solcher Deuter gewesen. In einem anderen Leben, in einer anderen Zeit. Jetzt erinnert sich jede Faser seines Körpers wieder daran. Du wirst ihm helfen. Ihre werdet Euch auf eine Reise in andere Welten und Zeiten begeben. 

Du wirst als Gebieterin der Worte, das was in Roland zum klingen kommt, in Worte fassen.“

Margret wachte schweissgebadet auf. Vorsichtig krabbelte sie aus ihrem Bett, um Roland nicht zu stören. Sie schlich auf Zehenspitzen in die Küche, machte sich eine Tasse Tee. Dann  fing sie an zu schreiben.

„Das Espenlaub, der Wind und Roland der Orakeldeuter.“

Ihre Hände flogen über das Papier. Ihre Seele erhob sich mit jedem geschriebenen Wort aus ihrer Lethargie heraus. Sie wurde leicht wie der Wind.

Ihr ganzes Leben hatte Margret auf solch einen Augenblick gewartet.

Der Moment an dem sie schreiben durfte. Der Moment wo alles seinen Platz hatte und sie einen Grund hatte zu schreiben. Wirklich zu schreiben. Es war, als wenn der Bann gebrochen war und ihre Bestimmung sie genau in jener Nacht gefunden hatte. Alles machte auf einmal Sinn.

Roland, der angefangen hatte wie Espenlaub zu zittern und der sie gebeten hatte die Geschichte von dem Espenlaub und dem Wind aufzuschreiben, der Traum.

Auf einmal hatte ihre Beziehung zu Roland wieder eine tiefere Bedeutung. Das nebeneinander her Leben war vorbei.

Margret war nicht nur mit irgend jemanden zusammen, sie war mit Roland dem Orakeldeuter zusammen. Liebevoll streichelte sie Roland’s Wange, als sie wieder zu Bett ging.

„Danke“, flüsterte sie zärtlich in sein Ohr.

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Renate
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Renate

Eine wunderschöne Geschichte! Ich habe sie heute beim Frühstück meinen Gästen vorgelesen und wir sind noch ganz „beseelt“!
Liebe Grüße von Renate