Annabelle und die Gabe

Annabelle 1

Wenn Annabelle Karten für ihre Kunden auslegte, dann hörte sie manchmal immer noch ihre längst verstorbene Mutter flüstern.

„Gib acht!“

Worte, die schon ihre Großmutter der Mutter ins Ohr gemurmelt hatte. Es galt aufzupassen, wachsam zu sein und alle Zeichen bis ins Detail zu lesen; der Schwung der Augenbrauen, der Geruch der Karten, die Stimmung, welche durch die Luft waberte. Dem allem musste sie ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit geben. Über Generationen hinweg war die Fähigkeit von Mutter zur Tochter weiter gereicht worden.

Die Gabe Dinge zu sehen, die andere nicht sehen konnten, Dinge zu hören, die andere nicht hören konnten. Annabelle hatte eine direkte Verbindung mit der Geisterwelt.

Sie lebte zusammen mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn in einem kleinem, englischen Städtchen, welches im Landesinneren gelegen war. In dem schmalen Garten ihres Reihenhäuschens hatte Annabelle einen ausgefallenen Kräutergarten angelegt, der ihr ganzer Stolz war. Wenn sie das Unkraut darin jätete summte sie die Lieder ihrer Vorfahren. Sklaven, die in Süd Carolina auf den Feldern gearbeitet hatten.

„Es ist eigenartig“, dachte sie oft für sich. „Wenn mich die alten Lieder durchströmen fühle ich eine abgrundtiefe Trauer, die zur gleichen Zeit von einer freudigen Unbeschwertheit begleitet wird. Die Freude kennt kein Hindernis, sie lässt sich nicht den Mut nehmen.

Bei allen Dingen gibt es auch immer eine ausgleichende Gegenströmung. Wer sich der ersten Stimme der Trauer nicht hingibt, kann auch die zweite der Unbeschwertheit nicht hören. So einfach ist das. Das Leben will in seiner Vielstimmigkeit wahrgenommen werden.“

Annabelle war in einem reinen Frauenhaushalt in den Sümpfen Süd Carolina’s aufgewachsen.

Er bestand aus ihrer älteren Schwester, der Mutter und Großmutter. Niemand verlor jemals ein Wort über den Vater und sie traute sich auch nicht zu fragen.

In dem Jahr von Annabelle’s bevorstehenden sechzehnten Geburtstags passierte das Unfassbare. Ihre putzmuntere Großmutter, eine sehr schillernde Persönlichkeit, die Annabelle immer nach ihren Träumen gefragt hatte, starb plötzlich, ohne Vorwarnung, von einen Tag auf den anderen. Kurz darauf erschien sie Annabelle in ihren Träumen und erzählte ihr kryptische Botschaften über die Gabe, die sie nicht zu entschlüsseln vermochte.

Annabelle’s Mutter Marena verkraftete den Tod der Großmutter nicht und verfiel in eine tiefe Depression. Sie saß über die meiste Zeit hinweg in ihrem Schaukelstuhl und starrte mit glasigen Augen aus dem Fenster in ferne, unsichtbare Länder. Es war als wenn ein Teil von Marena der Großmutter in die Welt der Geister gefolgt war. Sie sprach nie mehr ein Wort mit der eigenen Tochter und auch sonst niemanden.

Der geheime Raum war verschlossen, der Schlüssel verloren. Der langersehnte Test zum sechzehnten Geburtstag fand nicht statt. Die Mutter war unerreichbar. Die Tradition, bei der die Frauen innerhalb der Familie an ihrem 16. Geburtstag einer Prüfung unterzogen wurden um heraus zu finden ob sie die Gabe besassen oder nicht, war ein für allemal gebrochen.

Als Annebelle noch jünger gewesen war, hatte sie sich oft insgeheim gewünscht sie könnte eine Fliege an der Wand sein, in dem geheimen Raum, wo alle Magie zu passieren schien. Damals hatte Annabelle’s Mutter immer viele Besucher, die zu ihrem Haus kamen. Marena führte sie sofort zu einem separaten Raum, den Annabelle unter keinen Umständen betreten durfte. Die neugierige Tochter wurde dann immer mit den Worten „warte bis Du an der Reihe bist“ in den anderen Flügel des geräumigen Hauses verbannt.

Manchmal weinten die Menschen, wenn sie aus dem Raum heraus kamen. Manchmal lachten sie. Aber niemals waren sie die Gleichen, die das Haus zuvor betreten hatten. Etwas Unerklärliches, was etwas mit der Gabe zu tun hatte, soviel wusste Annabelle schon, war mit ihnen passiert. Aber was, das war die unendliche Frage die durch den Kinderkopf wirbelte.

Mit der Zeit blieben die wenigen Besucher, die sich ab und an noch in das Haus verirrten, völlig aus. Es hatte sich endgültig herumgesprochen, dass Marena nicht mehr zur Verfügung stand und die Magie das Haus verlassen hatte, das über Generationen hinweg davon durchströmt worden war.

Unbezahlte Rechnungen fingen sich auf dem Küchentisch an zu türmen und Annabelle hatte keine andere Wahl als eine Vollzeitstelle in einem Restaurant in der Nähe anzunehmen, anstelle zur Schule zu gehen.

Ihre ältere Schwester hatte das Haus vor vielen Jahren, damals an deren sechzehnten Geburtstag verlassen. Sie hatte sich geweigert die Prüfung zu machen und war davon gerannt.

Es gab Gerüchte, dass sie nach England gegangen war. Annabelle hatte seither nie mehr von Tanya gehört.

Sie sehnte sich nach ihrer Schwester, wollte wissen was damals wirklich passiert war. Weder die Mutter noch Großmutter waren bereit darüber zu reden.

„Eines Tages gehe ich auf die Suche nach dir, Tanya. Und dann erzählst du mir alles. Wie hast du mich nur alleine lassen können? Wie konntest du nur!“

Mit Marena’s Depression hatte Annabelle’s Leben eine jähe Kehrtwendung genommen. Anstelle etwas über die Gabe zu lernen, pflegte sie ihre Mutter und bestritt den Unterhalt. Das war alles.

Das alte, geheimnisvolle Wissen war zusammen mit Marena’s Geist in andere, unerreichbare Welten entflohen.

Würde sie jemals eine Antwort auf die eine entscheidende Frage, die ihr in der Seele brannte, finden?

„Habe ich die Gabe geerbt oder war es doch meine Schwester.“

Annabelle blickte nach einer langen Zeit des Schweigens ihrem Kunden mit einem geheimnisvollen Lächeln in die Augen.

„Ich habe die Zeichen gelesen. Die Frage ist ob sie bereit sind die Antwort zu hören. Diese Entscheidung kann ich ihnen nicht abnehmen.“

Annabelle fand immer die passenden Worte zur richtigen Zeit.

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